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Die erstaunlichen Bewegungen auf Nachrichtenseiten

Dieser Report bricht mit einer gefühlten Wahrheit: Nachrichten-Artikel werden auf den Startseiten immer nur nach unten verschoben, weil sie von aktuelleren Nachrichten verdrängt werden. Mit unserer Software haben wir gezeigt, dass über ein Drittel der Artikel tatsächlich nach oben verschoben werden und mit dieser gefühlten Wahrheit brechen.

Das ganze hat auch eine wissenschaftliche Basis in der sog. Nachrichtenwert-Theorie. Das klingt nicht nur sperrig, sondern ist es auch, sodass sich dieser Report weniger mit diesen nerdy Theorien beschäftigt und mehr auf die Praxis schaut.

Für diesen Report werden die Veränderungen auf den Webseiten von sechs deutschen Publishern und die Veränderungen der Positionierung von einzelnen Artikeln analysiert. Die Nachrichtenwerttheorie sieht dabei vor, dass Artikel mit der Zeit an Relevanz verlieren und für relevantere Nachrichten Platz schaffen müssen. “Platz schaffen” gilt dabei einerseits wörtlich, da auf Webseiten nur ein begrenzter Platz zur Darstellung vorhanden ist. Aber “Platz schaffen” steht auch als Metapher für die Aufnahmefähigkeit der LeserInnen, die nur begrenzte Kapazitäten aufwenden können und daher ihre Aufmerksamkeit nur auf die wichtigsten Nachrichten lenken werden.

Die von den Redaktionen als besonders wichtig eingestuften Nachrichten werden ganz oben auf der Startseite publiziert. Dieser prominente Platz, der Aufmacher, zeigt entsprechend die relevantesten Nachrichten, also die mit dem höchsten Nachrichtenwert. Die übrigen Nachrichten sortieren sich entsprechend ihres Nachrichtenwerts darunter ein. Daher wird erwartet, dass sich die Inhalte auf den Startseiten der beobachteten Webseiten stets nach unten bewegen, da der Nachrichtenwert in der Regel mit der Zeit abnimmt. Relevante Nachrichten sind eben häufig neue Nachrichten. Bewegt sich ein Artikel gegen den Strom nach oben bedeutet das, dass sich sein Nachrichtenwert erhöht hat. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Beispielsweise könnte sich eine relevante Änderung der Nachricht ergeben haben, also zum Beispiel eine signifikante Erhöhung der Opferzahlen bei Katastrophen.

Andererseits spielt das Publikum, also die LeserInnen, ebenfalls eine signifikante Rolle. Nachrichten werden für Menschen gemacht. Meldungen, die für viele Menschen interessant sind, wird ein höherer Nachrichtenwert beigemessen. Wenn eine Nachricht unerwartet erfolgreich beim Publikum ist, kann der Nachrichtenwert ebenfalls steigen. So kann es zusätzlich Bewegungen von Artikeln von unten nach oben auf einer Nachrichtenseite geben.

Die Analyse der Publisher zeigt in den sechs Monaten durchschnittlich rund 29.500 Veränderungen auf den Nachrichtenseiten. Das entspricht durchschnittlich 182 Veränderungen täglich. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Publishern sind dabei erheblich. Bei BR24 gab es im Untersuchungszeitraum lediglich 79 Änderungen täglich. Bei t-online.de waren es hingegen 258 tägliche Änderungen. Dabei gab es zwischen 59 und 448 neue Artikel pro Tag auf den Startseiten.

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Dabei schaffen es nicht alle Artikel auf die obersten zehn Plätze. Insbesondere bei Zeit online mit über 400 neuen Artikeln pro Tag ist eine logische Konsequenz. Die hohe Anzahl neuer Artikel ist dort insbesondere auf automatisiert veröffentlichte dpa-Agenturmeldungen zurückzuführen.

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Durschnittlich schaffen es 35% der neu veröffentlichten Artikel in die Top10. Der Anteil ist insbesondere bei der Tagesschau und bei t-online mit über 50% hoch. Die Daten stammen aus dem letzten Jahr und wurden über einen Zeitraum von sechs Monaten von deutschen Publishern gesammelt. Die sechs analysierten Publisher wurden bewusst gewählt. Mit dabei sind Tagesschau.de als öffentlich-rechtlicher Publisher mit nationaler Bedeutung und BR24, ein erfolgreiches regionales Nachrichtenangebot des ÖRR. t-online.de ist als Vertreter des Boulevards dabei. Hinzu kommen Spiegel.de, Zeit.de und FAZ.de, die aufgrund ihres sozial-liberalen bzw. konservativen Rufs ausgewählt wurden.

Bei der Betrachtung der auf- und absteigenden Artikel sticht sofort die signifikant höhere Anzahl an absteigenden Artikeln auf. Das entspricht genau der Annahme der Nachrichtenwerttheorie, dass Artikel mit dem Zeitverlauf an Nachrichtenwert verlieren.

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Kritisch ist dabei die 1/3-Marke. Denn mehr als 33 % der Artikel werden bei Veränderungen auf der Seite nach oben verschoben. Herausstechen dabei die Tagesschau, der Spiegel und Zeit Online, bei denen sogar über 37% der Artikel einen höheren Nachrichtenwert beigemessen wird, als zur Veröffentlichung des Artikels.

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Insgesamt sind diese Daten bemerkenswert. Denn sie zeigen, dass Redaktionen häufig ihre Einschätzung des Nachrichtenwerts korrigieren und LeserInnen einen großen Einfluss auf die Positionierung von Inhalten auf Nachrichtenseiten haben. Wir sehen daher in den Daten eine Bestätigung unserer These, dass durch die ganzheitliche Beobachtung von Wettbewerbern die Relevanz von Nachrichten besser ermittelt werden kann.

Über diesen Artikel

Geschrieben von Stefan Paulus

Publiziert am: 5/3/2022, 1:00:00 PM

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